Personen um Nietzsche

Familie

Bernhard Förster

Elisabeth Alexandra Förster Nietzsche

Johanna Elisab. Wilhelmine Hahn

Erdmuthe Dorothea Krause

Carl Ludwig Nietzsche

Friedrich August Ludwig Nietzsche

David Ernst Oehler

Franziska Ernestine Rosaura Oehler

Freunde

Paul Deussen

Gustav Krug

Heinrich Köselitz gen. Peter Gast

Hermann Mushacke

Franz Overbeck

Wilhelm Pinder

Paul Rée

Erwin Rohde

Heinrich Romundt

Carl von Gersdorff

Lehrer

Jacob Burckhardt

Ernst  Ortlepp

Friedrich Ritschl

Arthur Schopenhauer

Richard Wagner

Frauen

Marie Baumgartner geb. Köchlin

Ida Overbeck (geb. Rothpletz)

Lou Salomé

Mathilde Trampedach

Malwida von Meysenbug

Meta von Salis-Marchlins

Resa von Schirnhofer

Cosima Wagner

Bekannte

Johann Jakob Bachofen

Georg Brandes - eigentlich Morris Cohen

Gottfried Keller

August von Miaskowski

August Strindberg

Hippolyte Taine


Carl von Gersdorff

geb. 1844
gest.. 1904

Freund Nietzsches seit Schulpforta


Den Freiherr Carl von Gersdorff hatte Nietzsche in Schulpforta kennen gelernt. Gersdorff verklärt vermutlich vierzig Jahre später, am 14. September 1900, also kurz nach Nietzsches Tod, in einem Brief an Heinrich Köselitz den Beginn der Freundschaft mit dem gleichaltrigen Mitschüler: "Ich hatte schon beim Eintritt in die Untersekunda alsbald herausgefühlt, daß er allen seinen Mitschülern geistig überlegen war, und die Empfindung, daß er etwas Großes leisten würde. Er zog aber auch durch den freien Anstand in seinem Auftreten an (...)."

Besonders erinnert sich der stets zu Nietzsche aufschauende Gersdorff an die Musikdarbietungen Nietzsches: "Von Prima an wurde unser Verkehr häufiger und inniger. Die Musik trug nicht wenig dazu bei; allabendlich zwischen sieben und halb acht kamen wir ins Musikzimmer. Ich glaube nicht, daß Beethoven ergreifender phantasieren konnte als Nietzsche, zum Beispiel, wenn ein Gewitter am Himmel stand."

Nach dem Schulende nahm Gersdorff zunächst in Göttingen sein Jurastudium auf, wechselte aber bald nach Leipzig, wo er mit Nietzsche und Hermann Mushacke, einem Kommilitonen Nietzsches aus Bonn, ein Freundestrio bildete. Das Band, das die Freundschaft noch enger knüpfte, war auch hier die gemeinsame Liebe zur Philosophie Arthur Schopenhauers, den Nietzsche in Leipzig durch Zufall (Schicksal) als seinen Philosophen entdeckt hatte. Sofort begann er diese Leidenschaft seinen Freunden mitzuteilen und sie für Schopenhauer zu begeistern. Nietzsche schreibt über die engsten Freunde. Sie waren "die ersten, auf die ich den vollsten Strom einer Schopenhauerschen Batterie lenkte, weil ich beurteilen konnte, daß sie für solche Anschauungen empfänglich seien. Wir Drei fühlten uns fortan lebhaft im Zauber des einen Namens verbunden." Auch zur Musik Richard Wagners wird Nietzsche viele seiner Freunde gleichsam bekehren.

Der Freundschaftsbund zerfällt, als Gersdorff Sommer 1866 zum Militär einrückt und Mushacke an die Berliner Universität wechselt. Zudem hat Nietzsche mit Erwin Rohde auch längst einen neuen Lebensmenschen gefunden. Später, in den ersten Baseler Jahren Nietzsches, wird Gersdorff häufig umfangreiche Schreib- und Korrekturarbeiten für Nietzsche übernehmen. Neben Rohde gehört Gersdorff zu Nietzsches engsten Freunden - nimmt man Overbeck und Richard Wagner in Tribschen aus. Mit Gersdorff wird Nietzsche einige Reisen unternehmen oder sich zu gemeinsamen Unternehmungen (etwa eine Tristan-Aufführung in München) verabreden. Als Gersdorff ohne Nietzsche nach Italien aufbricht, schreibt Nietzsche am 15. September 1873: "Gersdorff, der treueste Freund - der mir, so lange er um mich war, meine rechte Hand und mein linkes Auge war - hat mich (...) verlassen und weilt mit Rohde zusammen in Genua. Wir, nämlich ich mit Overbeck und Romundt, haben eine wahre Nämie bei seinem Abschiede gesungen (...)." Nietzsche hatte anscheinend die Begabung, nicht nur selbst Freundschaften zu pflegen, sondern knüpfte gleichsam als Vermittler auch neue Freundschaften. So entstand ein Netz von sich bereichernden Geistern - eine Art vornehmer Familie, deren Mitglieder man sich jedoch freiwillig aussucht hatte.

1876 gerät die Freundschaft aber durch die von Malwida von Meysenbug angestiftete Liebschaft Gersdorffs mit der jungen schönen Italienerin Nerina Finocchietti in eine Krise. Nietzsche warnt den verliebten Freund vor dieser in Nietzsches Augen ganz verkehrten Verbindung. Wie verwirrt Nietzsche von den Heiratsplänen des Freundes war, zeigt auch seine Vorschlußpanik in Zusammenhang mit seinem überstürzten, etwa zeitgleichen Heiratsantrag an die junge Mathilde von Trampedach. Hier spielte auch eine Rolle, daß auch sein Freund Franz Overbeck kurz davor stand, Ida Rothpletz zu heiraten. Elisabeth Förster-Nietzsche entschuldigt beim biographischen Blick auf die anmaßende Einmischung Nietzsches in das Liebesverhältnis des Freundes Gersdorff den ansonsten 'heiligen Bruder' ausnahmsweise einmal nicht: "Die beiden Freunde haben sich in späteren Zeiten, als diese unglückliche Verlobung aufgelöst war, nochmals brieflich über die Angelegenheit ausgesprochen und fanden sich dann wieder in der alten warmen Freundschaft zueinander,- aber fast sechs Jahre lang hat er diesen treusten Freund entbehren müssen." Durch die Vermittlung Köselitz´ - das Freundschaftsnetz erweist hier seine Tüchtigkeit - kommt es im Februar 1881 zur Versöhnung. Nietzsche schreibt kurz und bündig in einem Brief : "Es steht zwischen uns beim Alten."

Nach dem frühen Soldatentod seiner beiden älteren Brüder, hatte Gersdorff noch Landwirtschaft in Hohenheim studiert, um das väterliche Gut in Ostrichen (Schlesien) zu übernehmen. Carl von Gersdorff wird während Nietzsches langem Siechtum mittels Korrespondenz sowohl mit der Schwester als auch mit Rohde, Overbeck und Köselitz Anteil an Nietzsches traurigem Schicksal nehmen. Am 28. August 1900 wird er in Röcken eine Gedenkrede auf den drei Tage vorher verstorbenen Schulfreund halten und ihm so die letzte Ehre erweisen.

Im August 1904 stürzt Carl von Gersdorff aus einem Fenster und zieht sich so schwere Verletzungen zu, daß er sechzigjährig stirbt.