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Werner Ross: Der ängstliche Adler - Friedrich Nietzsches Leben
#br# #b#Zur "Homoerotik" Nietzsches#be#
Zur großen Nietzsche-Biographie von Werner Ross "Der ängstliche Adler", DVA, Stuttgart 1980 und Joachim Köhlers "Friedrich Nietzsche und Cosima Wagner. Die Schule der Unterwerfung", rororo TB Sonderausgabe 1998.

Gegenüber beiden Arbeiten von Werner Ross und Joachim Köhler habe ich so meine Bedenken; von Köhler existiert ja schon "Zarathustras Geheimnis", das ich ganz bewusst links liegen ließ, da mir solche "Deutungen" wie die "Homoerotik Nietzsches" völlig an den Haaren herbeigezogen scheinen. Eine solche Weise der "Persönlichkeitsdeutung" Nietzsches greift offenbar immer mehr um sich, auch H. J. Schmidt geht in seinem "Nietzsche absconditus" (Bd. I und II, IBDK Verlag, Aschaffenburg, 2. Aufl. 1991) darauf ein. Um das Abstruse an solchem Bemühen nur kurz an einigen Beispielen zu zeigen:

Zunächst J. Köhler (Nietzsche und Cosima)
"Er liebte seit Leipziger Studententagen Erwin Rohde..." (S. 118)
"Jahrelang hatte Nietzsche um den Freund geworben ..." (S. 122)
"Als Nietzsche am 31. August 1876 aus Bayreuth diese Zeilen über Paul Rée erhält, kann er diesen bereits als seinen neuen Lebensgefährten bezeichnen." (S. 132)
"Ihre Tage verbrachten die beiden in Nietzsches «durch geschlossene Fensterläden und zusammengezogene Vorhänge seiner Augen wegen in eine gewisse Dunkelheit versetzten Zimmer». Ein obskures Paar ..." (S. 132)
Solche Sätze sind in meinen Augen blanke Kolportage, die jeder Grundlage und auch jeden einigermaßen standhaltenden Beweises ermangeln, welche anzubringen der Autor auch gar nicht für nötig hält. Sie dienen weniger der Erhellung der Nietzscheschen Persönlichkeit als dem Anliegen, mit möglichst "wilden" Thesen Aufsehen zu erregen.
Ganz im Gegenteil spricht alles, was die Dokumente hergeben, und bei der Anwendung gesunden Menschenverstandes gegen eine solche Interpretation, insbesondere das, was der Autor selbst anführt. Nietzsche hätte nie und nimmer nach Hause geschrieben: «er und ich haben große Freude an einander» (S. 132), wenn sich dahinter eine homoerotische Beziehung verborgen hätte - ausgerechnet der ehrpusselige Nietzsche (die Homosexualität hatte damals ja noch ein ganz anderes "Ansehen" und mit ganz anderen Konsequenzen zu rechnen als heute) soll sich damit quasi "outen"?
Umgekehrt wird ein Schuh daraus - für Nietzsche war es sonnenklar, dass in dieser Hinsicht nie auch nur der Hauch eines Gedankens zu solchen Vermutungen aufkommen konnte, und so hatte er keinerlei Bedenken, sich so zu äußern.

Ganz ebenso steht es mit der Nietzscheschen Bemängelung gegenüber Rohde, «daß Du von den päderastischen Verhältnissen so wenig sagst: und doch ist das Idealisieren des Eros und das reinere und sehnsüchtigere Empfinden der Liebespassion bei den Griechen zuerst auf diesem Boden gewachsen». Der «Eros», so resümierte er, war «in der besten Zeit» immer der «päderastische».(S. 122) Köhler will daraus wiederum einen Beweis für die Homoerotik Nietzsches machen, aber bei nur einigermaßen verständiger Interpretation sagt diese Stelle das genaue Gegenteil. Hätte der ja tatsächlich sehr "geschamige" Nietzsche Rohde wirklich dazu gedrängt, mehr über Päderastie sich auszulassen, wenn er genau dieses damals recht gefährliche Verhältnis - man denke nur an Wilde! - mit ihm geteilt hätte?! Niemals. Nur weil er völlig frei von solchen Gedanken in Bezug auf Rohde war, konnte er sich so naiv und idealistisch äußern.
Wenn schon Psychologie, dann doch bitte keine gewaltsam gegen den Strich gebürstete und auf absurde Unterstellungen abzielende, die vorher weiß, wo sie hin will, und nun alles Passende und Unpassende so dreht, dass es die eigene vorgefasste Meinung zu stützen scheint. Dies ist übrigens auch der Grundfehler bei Freud schon, weshalb dessen Ansätze im Hinblick auf "Sexualität" oder "Ödipus" (der auch bei Ihnen noch auftaucht) heute zu Recht überwiegend abgelehnt werden.
So taucht auch aus gutem Grunde bei Köhler die Lou-Geschichte kaum auf, würde sie seinen Ansatz ja doch in Frage stellen: Wer mit einigermaßen gesundem Menschenverstand Ausgestattete käme auf die Idee, dass Nietzsche ausgerechnet seinen eigenen "Sexualpartner" Rée (wie Köhler ja unterstellt) zu einem Heiratsantrag an Lou beauftragen würde? Das ist nachgeradezu hanebüchen. Und natürlich würde auch die Liaison Lou-Rée und die Eifersucht des letzteren auf Nietzsche (wohlgemerkt: bezogen auf Lou, nirgends bezogen etwa auf Nietzsche!) keinesfalls ins Bild passen, und so hört man auch nichts davon. Nach Köhlers Auslassungen hätte Rée ja seine Eifersüchteleien an Nietzsche richten müssen - einfach absurd.

Auch die "Psychologie" von W. Ross wird etwa von H. J. Schmidt gelobt; ich habe diese Biographie des "ängstlichen Adlers" (bei allen Verdiensten) in manchem jedenfalls stark negativ "erlebt" ... Er zeigt oft recht wenig Sympathie für sein "Objekt" Nietzsche, und er stellt sich mit seiner "Psychologie des Mittelmaßes" über Nietzsche. Er argumentiert etwa so: Hätte N. sich nur mit genau so normalen Augen wie wir selbst in der Realität umgeschaut, so hätte er es genauso gut gehabt, wie wir "Normalen" auch ... Wie wahr.
Auch Ross spielt bereits "vielsagend" auf André Gide und dessen Homosexualität an (S. 565), beläßt es allerdings bei solch verschleierten Andeutungen. Jedenfalls arbeitet auch er, ganz wie Köhler, mit "psychologischen Unterstellungen", und liest so in ihn hinein, was er aus ihm herauslesen will. Ob das "Spurenlesen" ist, wenn man bereits vorher weiß, wo diese Spur "enden" wird? "Die Tiefenpsychologie mag einen sadomasochistischen Zug konstatieren, dessen letztes dunkles Ziel die Selbstzerstörung ist." (S. 105) Da werden Sätze in den Raum gestellt, für die man nicht einmal die Verantwortung übernimmt, nach dem Motto: Es wird schon was hängen bleiben - eines der Lieblingsverfahren des Autors. Ein besonderes "Glanzstück" in dieser Hinsicht: Nietzsche als "Über-Betrüger", den es "kitzelt" (S. 321). Da setzt man einfach mit ein paar Fragezeichen Vermutungen in die Luft, und schon hat man sein "Objekt" in dasjenige "Licht" gerückt, in dem man es sehen möchte. Eine derartige Schreibweise (durchaus auch im Stil) halte ich nicht für seriös, sondern für "reißerisch" - einen gewaltsamen Versuch, sich abzuheben auf Kosten des beschriebenen "Objekts". Das hat Nietzsche jedenfalls meiner Meinung nach nicht verdient, und der Forschung und Erkenntnis dient es auch nicht.


aus: Sekundäres

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